Heiß diskutiert: Telemedizin, EBM-Ziffer, Honorare für Arztpraxen

Heiß diskutiert: Telemedizin, EBM-Ziffer, Honorare für Arztpraxen

Gespräche zu  „EBM-Update“ beim Bund in vollem Gange

Den virtuellen Dr. Google kennt beim Stichwort Telemedizin inzwischen jeder. Er ist aber nur ein kleines Licht verglichen mit dem, was mit der fortschreitenden Digitalisierung auf die Gesundheitsbranche zukommt. Digitale Transformation – sie bringt innovative Chancen wie gravierende Veränderungen auch für niedergelassene Mediziner. Steht ihnen die Kassenärztliche Vereinigung (KV) dabei zur Seite? Ein Interview mit Dr. GUNNAR DITTRICH, Hauptabteilungsleiter bei der KV Sachsen (KVS).

Wie sind niedergelassene Ärzte Ihrer Meinung nach auf die Digitalisierung in ihrer Branche eingestellt?

Dr. GUNNAR DITTRICH: Gut! Die junge Generation von Medizinern, die jetzt Arzt werden, gehört größtenteils zur Gruppe der „Digital Natives“. Diese Gruppe nutzt diverse Onlineanwendungen, sie machen Online Banking, nutzen Apps auf dem Smartphone. Logischerweise wollen sie das alles auch in ihrem ärztlichen Umfeld nutzen und einsetzen können.
Auch ältere, erfahrene Mediziner lehnen die digitalen Möglichkeiten im Bereich Telemedizin nicht pauschal ab und sind diesen Entwicklungen gegenüber meist aufgeschlossen. Es gibt ältere Ärzte, die sich in Bezug auf das Interesse und die Bereitschaft, neue digitale Anwendungen in ihren Arbeitsalltag zu integrieren nicht von ihren jüngeren Kollegen unterscheiden.

Ängste älterer Ärzte gegenüber Telemedizin ernst nehmen

Es gibt aber auch jene, die sagen, ich will das nicht mehr. Sie haben Ängste und die muss man ernst nehmen. So hat bspw. der eine oder andere Arzt bei Informationsveranstaltungen zur Online-Abrechnung gesagt: „Wenn die heute sagen, Online-Abrechnung ist verpflichtend, dann höre ich auf.“ Ich bin mir sicher, dass einige Mediziner in dem Fall tatsächlich ihre Tätigkeit beendet hätten. In der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) ist die Online-Abrechnung für neu an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmende Leistungserbringer sowie für Teilnehmer an der vertragsärztlichen Versorgung, die mindestens einmal die Abrechnungsdaten online übermittelt haben, seit 2010 verpflichtend. Bei Ärzten die vor diesem Stichtag bereits vertragsärztlich tätig waren, setzen wir nach wie vor auf einen freiwilligen Umstieg, damit diese Ärzte möglichst lange für die Patientenversorgung im Beruf bleiben.
Die KV Sachsen sieht in einer bundeseinheitlichen elektronischen Kommunikation zwischen Ärzten und Psychotherapeuten sowie der Arzt-/Psychotherapeut- KV-Vernetzung wichtige strategische Ziele im Sinne der Schaffung eines sehr sicheren Standards. Die Nutzung von Online-Anwendungen der KVS soll auch helfen, Bürokratie beherrschbarer zu machen.

Woran zeigt sich für Sie aus Sicht der KV die Akzeptanz unter der niedergelassenen Ärzteschaft für die Digitalisierung?

Dr. GUNNAR DITTRICH: Um in kurzer Zeit möglichst viele Arzt-/Psychotherapeutenpraxen elektronisch zu vernetzen, wurden diese finanziell und logistisch durch die KVS gefördert. Gefördert wurden Praxen zugelassener Ärzte/Psychotherapeuten der KVS – bezogen auf deren Hauptbetriebsstätte –, die ihre Abrechnung und weitere obligatorische Datenlieferungen online über das Sichere Netz der KVen mittels eines KV-SafeNet*-Anschlusses bei der KVS eingereicht haben. Einschränkend muss gesagt werden, dass noch nicht für alle Unterlagen/Datenlieferungen der elektronische Weg angeboten werden kann.

Fördergelder bringen Online-Abrechnung auf Touren

Die Förderung in Höhe von 500 EUR im ersten Förderzeitraum 2010-2011 sowie 400 EUR im zweiten Förderzeitraum 2012-2013 wurde für jede Praxis/Berufsausübungsgemeinschaft/ MVZ nur einmal gezahlt. Dies führte vor allem in der Anfangszeit zu einem sprunghaften Anstieg der Nutzerzahlen der Online-Abrechnung.
Mittlerweile sind ca. 80 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten Online-Abrechner. Dabei muss man wissen: 20 bis 30 Prozent unserer Ärzte im Freistaat sind über 65 Jahre alt. Die Zahl der Ärzte mit einem KV-SafeNet*-Anschluss steigt durchschnittlich um ein Prozent im Quartal bzw. um bis zu 250 neu zugelassenen Ärzten jährlich an. Die Ärzte, die ans Sichere Netz der KVen angeschlossen sind, können auch noch weitere Angebote nutzen (siehe Infoübersicht).

Um bei der Digitalisierung Schritt zu halten, muss der Arzt investieren. In welchen Dimensionen bewegen sich die Kosten dafür?

Dr. GUNNAR DITTRICH: Diese Kosten sind von Praxis zu Praxis sehr unterschiedlich. Betrachten wir unseren Part als KV Sachsen – reden wir über die Kosten für die Infrastruktur, sprich für das KV-SafeNet*.
Die praxisinterne Vernetzung – beispielsweise von Geräten – ist Sache der Ärzte selbst.
Der Mediziner bekommt diese Investitionen über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) refinanziert. Heißt also, im EBM sind nicht nur das kalkulatorische Arztgehalt und die Personalkosten, sondern auch ein Technik-Anteil enthalten. Letzterer ist beim Radiologen beispielsweise natürlich höher als beim Hausarzt.

EBM-Ziffer zu Telemedizin schwer zu kalkulieren

Gegenwärtig gibt es auf Bundesebene Gespräche zu den EBM-Ziffern im Bereich Telemedizin. Es ist allerdings schwierig, eine solche EBM-Ziffer sachgerecht zu kalkulieren. Letztlich geht es darum, dem Arzt, der die Leistung erbringt, eine Finanzierung zuzusichern. Das ist kein leicht zu lösendes Problem.

Hat die KV einen Plan, um den Ärzten finanziell unter die Arme zu greifen – beispielsweise Fördergelder locker zu machen?

Dr. GUNNAR DITTRICH: Interne und externe Fördermittel wurden und werden zur Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung in Sachsen eingesetzt bzw. vermittelt. Häufig können diese Mittel nur durch Umverteilung zur Verfügung gestellt bzw. aus dem Vermögen der KV Sachen finanziert werden.
Neben der bereits genannten Einmalförderung für die Infrastruktur des KV-SafeNet* gibt es auch eine niedrigere Verwaltungskostenumlage für alle Vertragsärzte, die ihre Quartalsabrechnung Online per KV-SafeNet* an die KVS übermitteln.

Sachsen bekommt zentrale Impfdatenbank

Die niedrigere Verwaltungskostenumlage beläuft sich aktuell auf 2,05 Prozentpunkte. Verglichen mit 2,4 Prozentpunkten für Datenträgerabrechner ist das schon ein deutlicher Unterschied. Allein durch diesen deutlich niedrigeren Satz sind Einsparungen pro Jahr und Praxis von durchschnittlich 700 EURO möglich. Die genaue Höhe hängt natürlich immer vom Praxis-Umsatz ab. Eine weitere, für Ärzte kostenfreie Infrastrukturförderung betrifft Online-Verbindungen zu uns, zu anderen Ärzten, zu Krankenhäusern.

Welche neuen Telematik-Anwendungen sind in Sicht?

Dr. GUNNAR DITTRICH: Da gibt es einige. Zusammen mit den Krankenkassen z. B. bereiten wir eine zentrale Impfdatenbank für Sachsen vor. Mit Blick auf einen künftig digitalen Impfausweis ist das eine hochinteressante Sache.

Leipziger Forum Gesundheitswirtschaft zur Telemedizin

Zuhörer beim Leipziger Forum Gesundheitswirtschaft 2016 im Fraunhofer Institut. Thema: Chancen und Risiken der digitalen Vernetzung. Foto: mad

Ein anderer wichtiger Punkt, man könnte auch sagen Schlüssel in der Kommunikation u.a. der Leistungserbringer ist aus unserer Sicht KV-Connect. Das meint ein sicheres E-Mail-System im KV–SafeNet*. Es ist ein weiterer Kanal, um Bilder und Dokumente sicher zu versenden. Hier ist auch eine Identifikationsfunktion hinterlegt, die den Absender der Mail als Arzt erkennt. Nicht leicht, das zu lösen. Die gesamte Verwaltung, die dahinter liegt ist sehr aufwendig. Die erste E-Mail – der Versand eines e-Arztbriefes – auf diesem Kanal ist übrigens kürzlich verschickt und auch empfangen worden.

Ein weiteres Beispiel: Eine der Anwendungen im KV-SafeNet* betrifft den Medikationsplan-Server im Projekt ARMIN. Dieser ist als Anwendung zertifiziert und von Ärzte-Seite und von Apotheker-Seite aus zugängig.

(*Bitte beachten Sie, dass KV-SafeNet nicht mit der Firma SafeNet, Inc., USA, in firmenmäßiger oder vertraglicher Verbindung steht.)

Eine Übersicht über weitere Online-Dienste der KV Sachsen.

Foto oben:

Dr. Gunnar Dittrich, Hauptabteilungsleiter der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Foto: mad

(Interview: Marlies Däberitz, Diplomjournalistin)

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